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Mittwoch  25.10.2017     Ksar Ghilane - Tataouine  144km

Nach ruhiger Nacht starten wir 08:04Uhr am Monument. Von dort aus geht es auf der Touristenpiste bis zum alten Fort. Dort befindet sich die erste heut anzufahrende Koordinate. Dann überlegen wir nur noch einmal kurz, ob wir richtig entscheiden. Auch wenn es mir schwerfällt, wahrscheinlich hat Sebastian wieder mal Recht, und es ist besser, die heutige Etappe nicht wie vorgesehen zu fahren. Denn da wären 40km Fahrt durch teilweise sehr schweren Sand zu fahren, in einer Vorgabezeit von satten 7 Stunden….. bedeutet offensichtlich schweres Geläuf.  Das scheint uns zu riskant und wir fahren auf der eben gekommenen Strecke zurück bis wir die Asphaltstraße nach Douz erreichen, um dann auf ihr bis Bir Soltain zu fahren und dort wieder ins Roadbook einzusteigen. Über bergige Pisten geht es dann zum Tagesziel Tataouine.

                      

                                          

Wir sind nicht die Einzigen die so entscheiden. Außer den „Profis“ drehen quasi  alle Teilnehmer am Fort um. 
Warum nicht gleich auf die Asphaltstraße, wird sich vielleicht manch Einer fragen. An einigen der Koordinatenpunkte bekommt man bei Nichterreichen Strafminuten aufgebrummt. Daher nimmt man so viele wie möglich mit, und dieser hier am Fort ließ sich noch recht einfach einsammeln.

Während der monotonen Fahrt auf Asphalt sehen wir uns noch einmal den heutigen Streckenverlauf auf dem GPS-Gerät an, um zu debattieren, ob unser gestern Abend geschmiedeter „Plan“ umsetzbar oder doch eher realitätsarm ist. Hatten wir doch am Auslauf der Dünen bei Bir Soltain zwei Koordinaten entdeckt, die von der Asphaltstaße aus nicht zu weit im Sand zu liegen scheinen. Sollte man es wagen, sich diese beiden Punkte“ zu holen“? Oder doch lieber schnurstracks nach Tataouine und nicht zu viel Zeit auf die anderen Teilnehmer verlieren? Wiedermal schwierige Entscheidung, denn ob wir die Punkte überhaupt von dieser Seite aus erreichen können ist ungewiss.

Erstaunlicherweise sind wir uns einig und der Mut ist aufgrund der frühen Stunde auch noch morgendlich frisch. Also auf ins Verderben.

Wir fahren nicht erst bis Bir Soltain, sondern biegen schon etliche Kilometer vorher von der Straße in Richtung der sich immer links von uns befindlichen und schon gut zu sehenden Sandberge ab. Von Zeit zu Zeit ein paar alte Spuren im Staub, dann nimmt langsam der Bewuchs mit Kamelgras zu und  wir kommen in Richtung Koordinate voran. Nicht sehr schnell, denn wir müssen vorsichtig fahren, kleine Queds könnten spontan auch mal zu einem Großen werden. Die Büsche stehen immer dichter, wenn das so weitergeht, kommen wir bald nicht mehr durch und müssen umdrehen und einen neuen Weg suchen. Da wir nicht einschätzen können, wie lange wir brauchen, wäre das zeitlich eventuell fatal. Doch irgendwie schlängelt sich der Niva durch´s Grün und das Gelände wird sandiger und steigt an.

Als das Gras komplett dem Sand gewichen ist, sehen wir plötzlich zwischen den Dünen etwas blitzen und trauen unseren Augen kaum. Eine Stempelstelle! Das hatten wir nun hier gar nicht erwartet. Nun beschließen wir, in noch größerem Bogen auf den Kontrollpunkt zuzufahren, denn wir müssen aus der richtigen Richtung ansteuern, sonst bekommen wir keinen Stempel. Ob wir den überhaupt bekommen? Schließlich haben wir die Dünen ausgelassen und sind den größten Teil bis hierher auf leichteren Wegen gefahren. Na wir werden sehen.
                                         

Die Freude ist auch noch verfrüht, denn die letzten geschätzt 300m werden ziemlich tricky. Beschwerlich geht es bergan über weiche, nicht sehr hohe aber dafür lange Sandpassagen. Wir zweifeln, wir versuchen es trotzdem, fahren uns auch mal fest und behalten unser Ziel dennoch im Auge. Je höher wir uns mühen, umso fester wird auch der Boden zwischen den Dünen und  irgendwie schaffen wir es und Wolfi gibt uns tatsächlich den Stempel. Das Orgateam amüsiert sich, weil wir die Ersten hier sind und noch dazu auf einer seltsamen Spur kamen . Wir verweilen möglichst kurz und versuchen dann so schnell wie möglich wieder auf Asphalt zum nächsten GPS-Punkt auf der Strecke zu gelangen. Doch dieses eigentlich kurze Stück soll uns noch ganz schön in Atem halten.

Wir überlegen, ob wir auf unserer Spur zurück fahren. Aber die war ja nicht ganz so ideal und führt eigentlich auch nicht unbedingt in die richtige Richtung. Also schlagen wir einen anderen Weg ein, so bergab kann das mit dem Sandfahren ja nicht so dramatisch werden. Doch weit gefehlt, dieser Sand ist tückisch und schon sitzen wir fest. Also buddeln, was sonst. Während wir so schaufeln, hören wir den ersten Teilnehmer auf der Kuppe, der das gesamte Dünenfeld durchfahren hat……in nur reichlich 2 Stunden schaffte das der tschechische Quadfahrer Josef Machacek. (In diesem Moment, als ich das schreibe, nimmt er an der DAKAR2018 teil. Nach Stage5 auf Position 23) Ach ja, wie peinlich. Wir haben uns noch in Sichtweite der Stempelstelle eingegraben…..

               

Über die DAKAR brauchen wir ja nicht nachdenken, daher konzentrieren wir uns wieder auf Freischaufeln, was irgendwann gelingt. Aber nur, um nach dem Versuch einen verlockenden Anlieger zu fahren, quasi im Fiasko zu enden. In der langgezogenen Kurve wird der Sand leider nicht wie erwartet fester, sondern abartig weich. Wir schieben noch eine Bugwelle vor uns her und kommen dann sehr ungünstig und sehr schräg zu stehen. Keinerlei Bodenfreiheit , dafür umso mehr Frust. Ich mache schnell ein paar Fotos, Sebastian findet das nicht lustig….immer diese Gaffer.

             

Zu Hause freuen wir uns dann, wenn wenigstens ab und zu ein „dramatisches“ Bild auf der Speicherkarte ist, denn den Hauptanteil machen halt Standbilder, vorzugsweise mit irgendwelchen geöffneten Türen oder Klappen aus. An dieser Stelle soll ich auf Sebastians Geheiß schreiben, dass dafür leider die Tonspuren der ganzen diesjährigen Videos unbrauchbar sind, weil der Navigator ständig meckert.

Hier im Sand jedenfalls freut uns grad nix, es sieht nach einer langen Schaufelei aus, zumal wir das Gefühl haben, den halben Berg abtragen zu müssen, damit der Wagen wieder einigermaßen fahrbar dasteht. Trockener Sand hat eben auch die unangenehme Eigenschaft, dass man ihn nicht wie ein Stück Sahnetorte abstechen kann…….er rieselt einfach nach. (Manchmal denke ich, er kriecht auch bergauf…zumindest in solchen Situationen)
Irgendwann ist es dann irgendwie vollbracht. Es schleicht sich ein ungutes Gefühl ein. War diese Aktion jetzt eigentlich die ganze Schinderei wert? Nur wegen einem Stempel das Risiko einzugehen sich so fest zu fahren, dass man vielleicht ohne Hilfe gar nicht mehr rauskommt? Oder am Niva ein irreparabler Schaden entsteht? Andererseits……bedeutet nicht genau das, Rallye zu fahren? (Bei der DAKAR nennen sie das den „Spirit“ ;o) 
Jedenfalls spulen wir den Rest der Strecke recht unspektakulär auf Pisten ab. Es wird etwas bergiger und gegen 13 Uhr erreichen wir das Städtchen Tataouine. Es empfangen uns gefühlt an jeder Ecke mindestens drei  Polizisten. Nicht zur Kontrolle sondern zum „sicheren Geleit“. Na dann, hätten wir uns vorher, so ganz ohne Bewacher unsicher fühlen sollen? Bis hierher war das nicht der Fall und im Voraus schon verraten…..daran wird sich zum Glück auch während der gesamten Rallye nix ändern.
         

Wir inspizieren kurz das Hotel und unser Zimmer. Eine sehr schöne Hotelanlage mit vielen einzelnen Außenzimmern in einem hübsch gestalteten Gelände verteilt. Das wird sich noch als Problem erweisen, denn vor lauter liebevoll umgesetzten Details die ich bestaune, merke ich mir den Weg zu unserem ganz am Resortende liegenden Zimmer natürlich nicht, als wir dem Hotelangestellten zu unserem Zimmer folgen. Wieso geht der eigentlich mit jedem Gast die elend langen Wege, wenn doch an jedem Wegabzweig kleine niedliche Wegweiserchen mit den Zimmernummern aufgestellt sind…..auch diese ganz einfallsreich gemacht.

Ein relativ kühler Raum erwartet uns, rustikal im positiven Sinne gestaltet. Wir stellen nur schnell die Tasche ab und machen uns dann nochmal auf den Weg in die Stadt um zu tanken und eventuell irgendwo diese leckeren Granatäpfel zu kaufen.
                    

Auf geht es, ein quirliges Treiben in der Stadt, wir tanken und kaufen gleich noch Achsöl. Auf dem weiteren Weg hält Sebastian plötzlich begeistert an und springt aus dem Wagen. Als wäre der Kopf während so einer Rallye nicht schon voll genug, schaut er nebenbei immer noch auf die inländischen Autokennzeichen. Und nun hat er den bisher ältesten Wagen entdeckt, was natürlich auf Foto verewigt werden muß. Sei es ihm gegönnt.

                                                                                                                     

 Dann wollen wir wieder Richtung Stadtrand und geraten irgendwie immer weiter ins Gedränge der Gassen. Es wird immer enger und irgendwann wundern wir uns über den massiven Gegenverkehr. Bis wir verinnerlichen, dass wir verkehrtherum in eine Einbahnstraße gefahren sind, stecken wir quasi auch schon fest. In Deutschland würde man in so einem Fall vermutlich einfach möglichst rasch an den Straßenrand fahren, eine passende Lücke abwarten und dann schleunigst umdrehen. Hier, im tunesisch-urbanen Verkehr ist genau das nicht möglich. Keine Ahnung, ob grad Rushhour ist, oder eine Umleitung. Jedenfalls kriechen die Autos von der nächsten ersichtlichen Kreuzung Stoßstange an Stoßstange auf uns zu…..genügend Zeit, um lange in den Gesichtern der entgegenkommenden Autofahrer nach Entrüstung zu suchen. Schließlich verstopfen wir ihre offenbar meistbefahrenste Einbahnstraße, denn mittlerweile ist der Verkehr durch uns vollständig zum Erliegen gekommen. Rechts neben uns dicht an dicht geparkte Wagen, links von uns der Gegenverkehr und dazwischen überall Menschen, teils beschäftigt, teils palavernd, teils das Geschehen beobachtend. So, nun wird es gleich rundgehen. Ich überlege, ob ich sicherheitshalber die Seitenscheibe zumache, falls sich der wütende Mob fälschlicherweise über mich, statt über Sebastian hermachen wird.

Wütender Mob? Welcher wütende Mob? Unglaublich, aber die Tunesier bleiben einfach in ihren Autos sitzen und warten ab, wie wir das Ganze wohl lösen werden. Und zum Glück sitzt Sebastian am Steuer, denn auch er behält den sprichwörtlich kühlen Kopf. Er tastet sich Zentimeter um Zentimeter weiter nach rechts vorn in Richtung parkendes Auto, so dicht, ich kann nicht mal den Kopf aus dem Fenster stecken um zu sehen, wie knapp es ist. Ein Foto hätte ich machen sollen, aber das traue ich mich dann in einer solchen haarigen Situation doch nicht. Die am Rand stehenden Tunesier schauen weder ungehalten, noch wütend , noch spöttisch. Kein Wort in überhöhter Lautstärke, dass uns auch noch den letzten Rest an Nerven kosten würde, keine vorwurfsvollen Gesten….einfach ein Abwarten. Und so gelingt es Sebastian tatsächlich, diese Einengung schadlos zu durchfahren und an der nächsten Kreuzung in die richtige Richtung abzubiegen. Mir fällt ein Stein vom Herzen, auf deutschen Straßen wäre die Situation mit Sicherheit eskaliert, noch dazu, wenn ein Ausländer dem vorbildlich Deutschen die Gasse verstopft hätte. Im Berufsverkehr! Gott bewahre…..;o)

Dieses Abenteuer läßt uns doch glatt den zweiten wichtigen Teil unserer Mission vergessen, und so fahren wir an den vielen am Straßenrand verkäuflichen Granatäpfeln vorbei. Wir halten erst wieder für ein Foto am markanten Kreisverkehr mit der Weltkugel und den vermutlich unbesetzten Wachtürmen an.

             

Als wir die Einfahrt zum Hotel erreichen, sitzt dort der Yamahafahrer in Enduroklamotten und Socken. Er wartet auf seine Begleiterin im Serviceauto, die offensichtlich heute nicht auf direktem Weg zum Zielort gefahren ist. Das ist halt der Nachteil, den das Zweiradfahren manchmal hat, im Ernstfall ist man eher da als das Team und muss auf seine Habseligkeiten warten.
Auf dem Parkplatz wird schon wieder fleißig repariert und gepflegt. Auch wir haben ein paar Handgriffe zu tun und säubern zum Beispiel die völlig verölte Trommelbremse. Bei unserer starken Seitenneigung  heute morgen im Sand, ist wohl durch einen undichten Simmering etwas Achsöl ausgelaufen und hat sich an den Bremsbelägen gesammelt.
Sebastian zieht die Muttern an der Getriebebrücke wieder fest und distanziert die Stoßdämpfer nach hinten aus, um Abstand zur wieder kippenden Hinterachse zu bekommen.

              

Später erkunden wir noch ein wenig die Landschaft um das Hotel und müssen leider auch hier riesige Müllberge hinter den hohen Mauern finden. Wir erklimmen den imposanten Berg mit dem aus Steinen gelegten Namensschriftzug des Hotels und finden uns dann bei den letzten Sonnenstrahlen wieder im Fahrerlager ein. Wir stehen noch recht lange beim Schweizer DR-BIG-Fahrer und staunen über die penible Arbeitsweise seiner beiden Schrauber. Im Schein der Stirnlampe „verputzen“ sie gewaltige Mengen an Papiertüchern, um das Gehäuse der verendeten Kupplung steril zu bekommen.

                       

                             

Später beim opulenten Abendessen spielen Livemusiker auf und der Bürgermeister hält eine Lobesrede auf die Rallye, den Tourismus und die Völkerverständigung.

Zur Fahrerbesprechung wird wie jeden Abend der Sieger der Tagesetappe gekürt, wir waren es wieder nicht.

Wir übertragen die heutigen 35 Änderungen ins morgige Roadbook und gehen dann ziemlich bald in die gemütlichen Betten.
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